Das Chaos regiert
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Es ist wirklich eine Unverschämtheit, was unsere
Regierung sich so erlaubt. Kaum gewählt, sind alle Versprechungen vergessen
und wieder einmal soll die Steuerschraube kräftig angezogen werden. Auch die
Renten sind alles andere als sicher und es ist mit satten Erhöhungen der
Sozialabgaben zu rechnen. Eine Abschaffung des Solidarzuschlags steht schon
gar nicht mehr zur Diskussion (der war übrigens mal als zeitlich begrenzte
Hilfe für den Aufbau Ost gedacht).
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Nun stellt sich natürlich die Frage, ob eine andere
Regierung es besser machen könnte. Gibt es ein Patentrezept, das den Abbau
der immensen Staatsverschuldung erlaubt, ohne den Bürgern allzu tief in die
Taschen zu greifen und gleichzeitig die staatlichen Leistungen nicht zu
verringern? Wohl kaum. Wer heute vollmundig verspricht, dass er die Steuern
senkt, die Renten sichert, die Arbeitslosigkeit abschafft und die Wirtschaft
zu Höchstleistungen führt, der ist entweder ein Lügner, ein Geistesgestörter
oder eben ein Politiker. Und wer ein solches Märchen ernsthaft glaubt, der ist nicht viel
besser.
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Woran liegt es aber, dass staatliche Pläne fast immer so
kläglich in die Hose gehen und dabei auch noch Unsummen an Steuergeldern
verschlingen? Schliesslich war bereits die Regierung Kohl vor 20 Jahren mit
dem festen Vorsatz angetreten, die Staatsverschuldung abzubauen. Doch dann
kam bekannterweise die Wiedervereinigung dazwischen und der Schuldenberg
erreichte neue Rekord-Höhen. Auch Schröder hatte schon bei seiner ersten
Wahl zum Kanzler dieses und viele andere ehrenwerte Ziele angepeilt, aber leider machte
ihm die "böse" Weltkonjunktur einen Strich durch die Rechnung.
Selbst die grüne Vision von einer ökologischen Erneuerung ist längst von Sachzwängen
überholt und von Kompromissen durchlöchert worden. Die einstigen Ideale sind
realpolitischer Ernüchterung gewichen.
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Ich fürchte beinahe, dass unsere modernen Staaten
langsam, aber sicher unregierbar werden. Wie die meisten komplexen Systeme
besitzt auch eine Gesellschaft die Tendenz, ins deterministische Chaos
abzugleiten. Damit ist nicht unbedingt der Ausbruch von Unruhen oder der
Zerfall unserer sogenannten Wertordnung gemeint. Unter einem
deterministischen Chaos versteht man einfach, dass geringste Änderungen des
Ausgangszustands enorme Auswirkungen auf das Endergebnis haben, so dass
sinnvolle Vorraussagen praktisch nicht mehr möglich sind. In einem
chaotischen physikalischen System wird eine genaue Kenntnis des
Ausgangszustands durch quantenmechanische Phänomene prinzipiell verhindert,
und obwohl alle zu Grunde liegenden Naturgesetze gut verstanden sind, bleibt
der Endzustand unberechenbar. Auf eine staatliche Gemeinschaft übertragen
bedeutet das, dass bereits die scheinbar unbedeutenden Handlungen Einzelner
unkalkulierbare Folgen für das Ganze haben und die gesamte schöne Planung
über den Haufen werfen können.
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Ein gutes Beispiel stellt der 11. September 2001 dar, als
eine Handvoll Irrer mit Scheren und Rasiermessern bewaffnet die Weltmacht
USA in die Knie zwangen. Die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft sind noch
heute spürbar und die militärischen Reaktionen beendeten schlagartig alle
politischen Lösungsversuche. Hinzu kommen noch unvorhersehbare
Naturkatastrophen, wie die Überschwemmungen des letzten Sommers, die auch
den besten Staatshaushalt endgültig zum Einsturz bringen können. Glücklicherweise sind die meisten Ereignisse,
die eine staatliche Planung zunichte machen, weit weniger spektakulär. Wer
kennt nicht die üblichen Entschuldigungen unserer Politiker:
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- "Hätte die Vorgänger-Regierung nicht jahrelang ..."
- "Wäre dieses unerwartete Ereignis nicht eingetreten, dann ..."
- "Die plötzliche Verschlechterung der Gesamtlage erlaubt nicht, dass ..."
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Das sind die typischen Aussagen von Leuten, die
eigentlich nicht die geringste Ahnung haben, wie es weitergehen soll. Aber
man kann es ihnen nicht einmal übel nehmen (wenn man ein gewisses Maß an
gutem Willen vorraussetzt), denn wie wir alle werden auch Politiker regelmäßig von den Ereignissen überrollt und können nur noch reagieren,
anstatt zu agieren. Natürlich könnte alles bestens sein und nach Plan
verlaufen, wenn die dumme, komplizierte Realität nicht wäre. Allerdings
könnten die Politiker das ruhig mal zugeben, anstatt uns vor jeder Wahl eine
rosige Zukunft auszumalen, die so mit Sicherheit nie eintreten wird.
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Was kann man also tun? Ich sollte Politiker werden, denn
ich habe ebenfalls keine Ahnung. Eine Möglichkeit besteht darin, das
staatliche System radikal zu vereinfachen und überschaubarer zu machen. Je
weniger Freiheitsgrade ein System besitzt, desto geringer ist die
Wahrscheinlichkeit, dass es ins deterministische Chaos abgleitet, desto
besser ist die Vorhersagbarkeit und Planbarkeit. In einer Diktatur würde
alles in gleichgeschalteten, geradlinigen Bahnen ablaufen, aber das kann
sicher nicht die Lösung sein. Dann doch lieber ein bisschen Chaos!
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Samstag, 21.08.2010 00:27:18 Uhr
Dienstag, 07.09.2010 03:43:57 Uhr
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